Diese spezielle Abteilung der Neurochirurgie wird seit 1986 von PD Dr. Jeamonod und seiner Gruppe geführt. Eingeführt worden in unserem Departement ist die Stereotaxie durch Professor Yasargil, der diese Technik bei Professor Riechert in Freiburg in Breisgau [20] gelernt hatte.
Professor Siegfried erweiterte das Arbeitsgebiet dieser Subspezialität mit dem Bereich der funktionellen Neurochirurgie. Dr. Jeamonod's Technik besteht im sorgfältigen elektrophysiologischen Explorieren des pathologische Entladungen zeigenden Zielpunktes bei Parkinsonpatienten, Patienten mit unwillkürlichen Bewegungen, nicht beherrschbaren Schmerzen, Tinnitus usw. Seines umsichtiges Vorgehens wegen wurde er zum adjunct Professor an der University New York ernannt.
Einführung
Die Abteilung für Funktionelle Neurochirurgie in der neurochirurgischen Klinik bietet alle notwendigen Leistungen, um Patienten mit chronischen, störenden, therapieresistenten positiven Symptomen zu behandeln. Zu diesen positiven Symptomen gehören folgende Krankheitsbilder:
- Abnormale Bewegungen:
diese beinhalten die Parkinson‘sche Krankheit, andere Zitternkrankheiten, die Chorea und die Dystonie
- Neurogene oder Nervenschmerzen:
Schmerzen, die nach einer Beschädigung der Nerven, des Rückenmarks oder des Gehirns auftreten (z.B. Phantomschmerzen)
- Tinnitus oder Ohrgeräusch:
nach Verletzung des Hörapparates oder des Hörnerves
- Neuropsychiatrische Erkrankungen, insbesondere obsessive kompulsive Störung (Zwangsneurose), endogene Depression und Psychosen
- Epilepsien
Patienten kommen in unsere Sprechstunde, weil sie an einer dieser chronischen therapieresistenten, mit grossem Leidensdruck verbundenen Hirnfunktionsstörungen leiden. Unser Ziel ist, diese Störung durch eine oder mehrere stereotaktische Operationen zu reduzieren, bzw. zu beseitigen. Wir betrachten diese Hirnfunktionsstörungen als eine Vermehrung und Verzerrung von normalen Hirnmechanismen. Es handelt sich um Rhythmusunterschiede zwischen verschiedenen Hirnrindenbereichen. Die Operation zielt darauf ab, das Gleichgewicht der Rhythmen im Hirn schonend zu fördern. Die Operation birgt daher kein Risiko, Hirnfunktionsstörungen zu erzeugen oder zu vermehren. Ein bis drei Sitzungen, selten mehr, sind notwendig um das therapeutische Ziel zu erreichen. Nach der Operation braucht es oft eine Weile für die Restabilisierung der Rhythmen, wobei die nötige Zeit stark zwischen Patienten variiert. Manchmal sind mehrere Monate notwendig, bis sich das angestrebte Gleichgewicht einstellt.
Die Operation
Die Operation dauert 5-7 Stunden und wird bei vollem Bewusstsein des Patienten durchgeführt. Der Patient spürt keine Schmerzen, weil Knochen und Gehirn nicht schmerzempfindlich sind und die Stelle, wo die Sonde die Kopfhaut durchdringt, lokal betäubt ist.
Eine Krone wird am Kopf des Patienten fixiert, anschliessend werden Bilder des Gehirns mit dem Magnet-Resonanz-Scanner für die Zielpunktbestimmung gemacht. Als nächstes wird ein kleines Loch von 2 mm Durchmesser in den Kopf gebohrt und eine feine Sonde von 1,3 mm Durchmesser bis zum Zielpunkt ins Hirn eingeführt. Die elektrischen Impulse der Hirnzellen werden mit Mikroelektroden abgeleitet und im Detail analysiert um den genauen Zielpunktbereich zu erkennen. Anschliessend werden kleine elektrische Stimulationen gegeben, um sensorische oder motorische Reaktionen des Gehirns zu überprüfen. Danach erfolgt die therapeutische Phase der Operation, wobei eine Restabilisierung der Hirnaktivität durchgeführt wird. Dazu wird ein kleiner Bereich von wenigen Millimetern Durchmesser zerstört, in welchem Zellen oder Fasern die normalen Rhythmen des Grosshirns behindert haben. Die Sonde wird aus dem Kopf entfernt, die Wunde genäht und die Krone abgelegt. Um den Verlauf zu beobachten, bleibt der Patient während 2-6 Tagen im Spital.
Nach der Operation beträgt die durchschnittliche Entlastung der Symptome 60-70% und 2 von 3 Patienten spüren eine zufriedenstellende Besserung oder vollständige Heilung.
Mögliche Schwierigkeiten und Risiken
Chirurgische Risiken sind ein Blutungsrisiko (3 %), Infektionsrisiko (weniger als
1 %) und technisches Risiko (weniger als 1 %).
Bei ungenügender operativer Restabilisierung der abnormalen Mechanismen im Gehirn kann es zu einem nur anteiligen Effekt der Operation oder zu einem Rückfall, vor allem während der ersten drei Monate nach Operation, kommen. Eine anteilige Reduktion eines Symptoms oder eine Verschlechterung desselben erklärt sich wie folgt:
- Ist die Operation nur teilweise restabilisierend, kommen vor allem zwei Ursachen dafür in Betracht. Entweder wurde der Zielpunkt nicht genau erreicht, weil sich das Gehirn während der Operation durch das Einführen der Sonde verschoben hat. Oder es besteht die Notwendigkeit, noch Mehrarbeit für die Restabilisierung zu leisten, z.B. auf der anderen Seite des Hirns. In beiden Fällen ist eine erneute Operation nötig.
- Durch die vielen Jahre der Krankheit vor der Operation haben sich die Reserven des Gehirns reduziert, insbesondere bei der Parkinson’schen Krankheit. Die notwendige chirurgische Arbeit birgt dann Risiken, das reservenlose System zu destabilisieren.
- Blutung oder andere Gefässprobleme.
- Psycho-emotionelle Faktoren können die Heilung verhindern: Wir haben beobachtet, dass Angst und Frustration der Heilung entgegenwirken. Zum einen können diese Gefühle verhindern, dass sich das durch die Operation ermöglichte Gleichgewicht tatsächlich einstellt. Zum anderen verhindern diese Gefühle manchmal, dass die bereits erfolgte Besserung wirklich geschätzt und erlebt wird. In beiden Fällen ist Psychotherapie sehr hilfreich. Wir bieten deshalb in unserer Abteilung diese Therapiemöglichkeit an.
Die Nachbehandlung
Eine erste ambulante Kontrolle findet üblicherweise 3 Monate nach der Operation in unserer Sprechstunde statt. Hier wird die neurologische und allgemeine Lage des Patienten umfassend besprochen. Weitere Untersuchungen werden in grösser werdenden Zeitabständen und auf Wunsch der Patienten durchgeführt.